Foto: © Bodo Rüedi, 2026
In einer Welt voller Algorithmen, KI-generierter Inhalte und austauschbarer Werbekampagnen wird Aufmerksamkeit zur wertvollsten Währung. Gleichzeitig sehnen sich Menschen wieder nach echten Erlebnissen, spontanen Begegnungen und Geschichten, die sich nicht komplett durchplanen lassen.
Genau hier setzt die «Linie Null» der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW) an. Ein Bus ohne Fahrplan und ohne festes Reiseziel. Und trotzdem – oder gerade deshalb – sprechen plötzlich alle darüber.
Wenn der ÖV plötzlich zum Gesprächsstoff wird
Gemeinsam mit den Konzeptkünstlern Frank und Patrik Riklin hat die RVBW ein Projekt lanciert, das weit über eine klassische ÖV-Kampagne hinausgeht. Die «Linie Null» fährt drei Wochen lang durch Baden und Wettingen in der Schweiz. Nicht, um Menschen möglichst effizient von A nach B zu bringen, sondern um Raum für Zufall, Begegnungen und neue Perspektiven zu schaffen. Ein mutiges Experiment zwischen Mobilität, Kunst und Gesellschaft.
Provokativ? Vielleicht. Aber genau darin liegt die Stärke der Idee.
Denn während viele Verkehrsunternehmen um Sichtbarkeit kämpfen, zeigt die «Linie Null», was passiert, wenn öffentlicher Verkehr plötzlich nicht mehr nur Infrastruktur ist, sondern Gesprächsstoff.

Foto: © Bodo Rüedi, 2026
Warum Menschen wieder Emotion statt Perfektion suchen
Für die RVBW ist das Projekt weit mehr als ein kreativer PR-Moment. Die «Linie Null» setzt bewusst ein Zeichen dafür, dass Mobilität emotional sein darf und dass gerade ungewöhnliche Ideen Menschen wieder neugierig auf den öffentlichen Verkehr machen können.
Im Gespräch erzählt Marija Di Cerbo, Lead Marketing bei den RVBW, was hinter der Idee steckt, welche Reaktionen sie überrascht haben und weshalb Verkehrsunternehmen manchmal genau dann am meisten bewegen, wenn sie nicht alles kontrollieren wollen.
Brancheninterview

FAIRTIQ: Was hat euch nach dem Start der «Linie Null» am meisten überrascht, insbesondere beim Verhalten der Fahrgäste?
Marija Di Cerbo: Am meisten überrascht hat uns, wie schnell Menschen bereit waren, sich auf etwas völlig Ungewohntes einzulassen. Viele Fahrgäste sind zuerst mit einem Schmunzeln eingestiegen – und plötzlich entstanden Gespräche zwischen Fremden, spontane Momente und eine Stimmung, die man im Alltag selten erlebt. Man hat gespürt, dass viele Menschen sich nach genau solchen echten, ungeplanten Erlebnissen sehnen.
FAIRTIQ: Gab es einen Moment während des Projekts «Linie Null», in dem du gedacht hast: «Das ist mehr als nur eine klassische ÖV-Kampagne»?
Marija: Ja, definitiv. Spätestens als internationale Medien über das Projekt berichtet haben und wir gemerkt haben, dass die «Linie Null» weltweit Diskussionen auslöst. Da wurde klar: Es geht nicht mehr nur um einen Bus. Es geht um Fragen wie: Wie wollen wir uns bewegen? Wie viel Spontanität lassen wir noch zu? Und warum berührt Menschen ein Projekt, das bewusst nicht perfekt durchgeplant ist?
Die «Linie Null» schlägt hohe Wellen. Hier im Beispiel ein TV-Ausschnitt des US-Senders «CBS News» in Texas.
FAIRTIQ: Wenn ihr heute nochmals entscheiden müsstet: Würdet ihr die «Linie Null» genau gleich umsetzen oder etwas anders machen?
Marija: Ich glaube, wir würden nochmals den Mut haben, etwas zu wagen, das nicht komplett kontrollierbar ist. Genau darin lag wahrscheinlich die Stärke des Projekts. Natürlich lernt man organisatorisch immer dazu. Aber die Offenheit, der Mut und das Vertrauen in die Idee würden wir wieder mitnehmen.
FAIRTIQ: Gerade diese Offenheit klingt spannend, aber vermutlich auch herausfordernd. Hast du ein Beispiel dafür, wie ihr solche organisatorischen Herausforderungen gemeistert habt?
Marija: Was uns zum Beispiel beeindruckt hat: Wie schnell und unkompliziert wir intern auf spontane Situationen reagieren konnten. An einzelnen Tagen war der Andrang deutlich grösser als erwartet und wir mussten kurzfristig zusätzliche Busse einsetzen. Das funktionierte erstaunlich schnell und pragmatisch. Man hat gemerkt, dass viele Mitarbeitende Freude daran hatten, Teil dieses ungewöhnlichen Experiments zu sein und flexibel mitgedacht haben. Genau das hat vieles möglich gemacht.
FAIRTIQ: Welchen Rat würdest du anderen Verkehrsunternehmen geben, die mutige Mobilitätsexperimente wagen möchten?
Marija: Nicht alles muss sofort perfekt sein. Menschen spüren, ob etwas ehrlich gemeint ist oder nur eine klassische Kampagne. Gerade im öffentlichen Verkehr dürfen wir wieder stärker Emotionen, Begegnungen und gesellschaftliche Themen zulassen. Manchmal entsteht die grösste Wirkung genau dort, wo man den Mut hat, bekannte Muster kurz loszulassen.
Nicht alles muss perfekt planbar sein
Die «Linie Null» zeigt eindrücklich: Marketing im öffentlichen Verkehr muss nicht immer nach denselben Regeln funktionieren. Manchmal entsteht die grösste Wirkung genau dann, wenn man bewusst Raum für Überraschungen lässt.
Natürlich wird nicht jedes Verkehrsunternehmen morgen einen Bus ohne Fahrziel lancieren. Aber vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment, um etablierte Kommunikationsmuster zu hinterfragen und Menschen wieder emotional für Mobilität zu begeistern.
Und ja: FAIRTIQ kann auf der «Linie Null» ausnahmsweise nicht genutzt werden. Glücklicherweise aus einem guten Grund: die Fahrten sind kostenlos.
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